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Freitag, 27. März 2009

Turn me over, Selly

Selly

Nicht jeden Tag kommt es vor, dass man in den Weiten des Webs durch eine Türe fällt, hinter der ein besonderes Kleinod auf einen wartet. Ich weiß nicht mehr, nach was ich gerade gegoogelt hatte, aber irgendwie kam ich hierher, sah auf das erste Bild des Films und hatte das unstillbare Verlangen, ihn anzusehen.

Die Dinge entwickeln sich langsam. Ein tropfender Wasserhahn. Zettel mit Erinnerungen, Notizen an dich selbst. Eine unzählbare Menge von Streichhölzern in einem Spülbecken. Anweisungen an den nächsten Morgen. "Would you like to see me doing it?", fragt Selly's Frau und lächelt beim Tanzen wie ein junges Mädchen. Der Mensch ist so wunderbar traurig anpassungsfähig. Auch an die täglichen Massaker des Älterwerdens. Durch das Erfinden von Gegenstrategien als Antwort auf das fortgesetzte erzwungene Loslassen von Fähigkeiten und Fertigkeiten. Im Erkennen des Verzichts und Verlusts schafft er sich neue Wege des Überlebens und Bestehens. Ich glaube, das ist die positive Nachricht dieses bewegenden 10-min-Films.

Die andere Nachricht ist die des drohenden Scheiterns. Dass eine Welt, die man sich in gutem Glauben eingerichtet hat, von einer Sekunde zur Nächsten gefährlich schnell scheitern kann. Dass äußere, banale Einflüsse das wackelige, fragile Gerüst eines eigenen vorsichtigen Lebensentwurfs mit einem Wimpernschlag an die Schwelle des Scheiterns bringen können. Wo und wie werden wir enden? Du. Und ich. Verloren, mit einem leeren Sack Haferbrei auf einer viel befahrenen Stadtstraße - und keiner nimmt Notiz?

Eine Metapher. Nichts mehr. Und doch, wer, der diesen Film heute sieht, kann ausschließen, dass er in den Spiegel der Zukunft gesehen hat?

Neon!


Selly from wartezenstein on Vimeo.
C. Araxe - 27. Mrz, 09:40

Momentan stimmen Zeit+Ort nicht, um diesen Film zu sehen, aber das werde ich nachholen.

catebanshee - 27. Mrz, 09:45

bei mir selbiges. *für nachmittags im zug vormerk* ... da muss ich dann auch die ganzen anhänge, die ich in letzter zeit geschickt gekriegt habe, durchgehen *g*
antworten
Eugene Faust - 27. Mrz, 10:50

Das berührt einen ganz empfindlichen Punkt in mir. Ich weine immer noch...

thx Neon

NeonWilderness - 27. Mrz, 13:29

Ja, dieser wunderbare Kurzfilm kann einen sehr aufwühlen. Das Ende lässt vordergründig alles offen, doch wenn man es durchdenkt, kann der Fortgang der Geschichte nur ein tragischer und trauriger sein. Auf seiner mutigen Suche nach Essen wird der vergessliche Selly wohl nie mehr den Weg zurückfinden. Ohne ihn als Sicherheit gebenden Ankerpunkt ist aber auch seine Frau verloren - die noch brennende Gasflamme eine kaum abzuwehrende Lebensbedrohung.

Ist das der Preis des medizinischen Fortschritts und der menschlichen Fähigkeit, immer älter zu werden, dass unsere zerfallenden Synapsen uns einst einen monotonen, minimalistisch-reduzierten Tag aufzwingen, der augenblicklich und jederzeit in einem nicht mehr zu kontrollierenden Desaster enden kann?
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Eugene Faust - 27. Mrz, 13:38

Älterwerden ist nichts für Feiglinge!
antworten
NeonWilderness - 27. Mrz, 13:48

Das ist wohl wahr. Die Frage ist jedoch, ob Mut nicht auch dazu gehört, die Symptome (und Gefahren) früh genug zu erkennen, für sich wahrzunehmen, und sich dann rechtzeitig in stärkere Hände zu begeben, bevor man für sich selbst und für andere zur tickenden Zeitbombe wird.
antworten
Eugene Faust - 27. Mrz, 14:08

Schwere Frage,

die sich vielleicht noch drastischer manchen kinderlosen Singles stellen wird. Deine "stärkeren Hände" klingen erst mal etwas beruhigend. Doch gerade vor professionellen stärkeren Händen habe ich irgendwie eine diffuse Angst.

Kennst du eigentlich den Film Iris?
antworten
NeonWilderness - 27. Mrz, 14:35

Nein, kenne ich noch nicht, liest sich aber sehr sehenswert. Naja, ob man Kinder hat oder nicht wird dann auch eher irrelevant, wenn sie in eine andere Stadt oder gar ein anderes Land gezogen sind. Unterstützung = physische Nähe + Verlässlichkeit. Ist das nicht gegeben, können die Kinder auch nur "professionelle" Hilfe organisieren.

Ganz abgesehen davon, dass die Betreuung eines dementen oder alzheimererkrankten Menschen im Endstadium sicher ein Fulltime-Job ist. Ich würde das meinem Sohn nicht aufbürden wollen, sollte ich irgendwann einmal vor diesem Problem stehen.
antworten
Eugene Faust - 27. Mrz, 14:42

Klar!

Das war auch gar nicht mein Gedanke, sondern, dass es da zumindest einen Nachkommen gibt, der im Notfall die Strippen ziehen und vielleicht auch die professionelle Pflege etwas einschätzen könnte.

PS: Ja, der Film ist sehenswert
antworten
C. Araxe - 27. Mrz, 20:13

Am liebsten würde man auch gar nicht weiter darüber nachdenken, wohin sich die Pflegemöglichkeiten entwickeln, weil es allein demografisch bedingt in Zukunft noch mehr Probleme geben wird.
antworten
NeonWilderness - 27. Mrz, 22:19

Ja, das stimmt. Ich denke auch, die unabwendbare Herausforderung der Demographie, die fortschreitende Überbevölkerung der Erde und die weitere Verknappung lebensnotwendiger Ressourcen werden noch zu sehr kreativen Lösungen führen. Ich halte da sowas wie die freiwillig zu besuchende Euthanasieklinik aus dem Soylent Green Film für durchaus plausibel. Und warum nicht? Wenn man da noch mal in 50 Jahren einen schönen, abschließenden Film mit der kuscheligen Tier- und Umwelt aus 2009 gezeigt bekommt (oder wenigstens eine Victoria's Secret Dessousshow mit Gisele Bündchen und Linda Evangelista) - da könnt' man schon in Versuchung kommen.
antworten
Mahakala - 28. Mrz, 09:56

Es gibt ja diese asiatischen Schnell-Nudel-Aufguss-Tüten-Suppen. Die quadratischen Päckchen beinhalten ein Suppen-Baukasten-Tüten-Sortiment (Geschmackspulver, Scharfpulver und eine Tüte mit Fett), und bei der Tüte mit Fett sehe ich einen ersten Ansatz in Richtung Soylent Green. Ich esse jedenfalls keine Nudeldinger mehr.
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pathologe - 28. Mrz, 10:03

Indomie.

Grundnahrungsmittel in Nigeria.
antworten
Marv (Gast) - 27. Mrz, 15:13

Sehr bewegend. Bei meinem Opa geht es auch langsam los. Er verirrt sich nachts teilweise im eigenen Haus, weckt meine Oma in der Nacht und erzählt wirr. Für mich ist es aber noch schlimmer zu sehen, wie meine Oma darunter leidet. Nicht wegen der körperlichen Anstrengung oder dem fehlenden Schlaf. Wenn ich in ihre Augen sehe, sehe ich Verzweiflung, Resignation, Trauer. Das Bewußtwerden der Tatsache, dass der Partner, mit dem man seit 50 Jahren verheiratet ist, mit dem man zusammen 6 Kinder hat, 17 Enkel, mittlerweile fast so viele Urenkel - mit dem man sein Leben geteilt hat - einen ganz allmählich "verlässt", muss wirklich fies sein...

NeonWilderness - 27. Mrz, 22:34

"Fies" beschreibt den Zustand tiefer seelischer Trauer, bohrender Verlustängste und einer großen Zukunftsangst vor dem Alleinsein jenseits der 70 wahrscheinlich nicht annähernd gut genug.

Wir fühlen uns alle noch so weit weg davon und können daher bei weitem die Tragweite einer solchen Entwicklung nicht verstehen und erfühlen - bis es soweit ist und uns selbst eines Tages trifft.

Man kann es drehen und wenden wie man will: Älterwerden ist ab einer bestimmten Schwelle ein kontinuierlicher, zwangsweiser Verlust von Optionen. Eine Art Enteignung von Handlungsräumen, als rutsche man in einem Plastikfilter immer eine Stufe tiefer bis an die eine schmale Stelle, an der dann Ende ist.
antworten
Eugene Faust - 28. Mrz, 14:40

Dieses Bild verfolgt mich.
antworten
NeonWilderness - 28. Mrz, 18:30

Das Plastikfilter-Bild oder die Vorstellung, womöglich zu Soylent Green verarbeitet zu werden? Bzw. zu Indomie® Mi goreng pedas (spicy).
antworten
Eugene Faust - 28. Mrz, 19:14

Der sich verengende Filter
antworten
NeonWilderness - 28. Mrz, 19:28

Und Sie machen mich unruhig, wenn Sie anfangen, nur noch in 4-Wort-Sätzen zu kommentieren.

Liebe Eugene, trübe oder ängstliche Gedanken halten Sie nur davon ab, Ihr Leben noch in vollen Zügen zu genießen. Es ist noch viel zu früh, sich zu sorgen. Und Sie wissen doch: 95% aller Sorgen, die man sich macht, sind völlig grundlos und überflüssig. ;)
antworten
Eugene Faust - 28. Mrz, 23:59

*smile*

Im Netz sehen Sie allerdings nur einen Bruchteil meiner Wirklichkeit, lieber Neon. Aber ich fange mich schon wieder. Darin habe ich Übung. Das ganze Leben ist ein Spiel, wir sind alle Kandidaten. lalaala lalalaaa lalalaalalalalala...
antworten

In a neon wilderness

he was restless

Come On

and tune in to the bittersweet symphony

Sonnet

Life is either a daring adventure or nothing. To keep our faces toward change and behave like free spirits in the presence of fate is strength undefeatable.”

(Helen Keller - American Author and Educator who was blind and deaf. 1880-1968)



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