Besuch vom Geist der vergangenen Weihnacht

Ich sah also bestimmt zum 10.Mal, wie die drei skurrilen Weihnachtsgeister der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft einem zynischen Bill Murray eine harte Lektion in Menschlichkeit und Nächstenliebe erteilten und wie immer schnürte es mir am Ende die Kehle zu, als der kleine Calvin nach fünf Jahren zum ersten Mal spricht und "God bless us, every one" sagt. Was letztlich ein für alle mal beweist, dass auch Atheisten sehr sehr sentimental sein können.
Später dann fiel ich in einen tiefen Schlaf und bald darauf erschien auch mir der Geist der vergangenen Weihnacht. Er führte mich ein paar Jahre zurück nach Heidelberg auf den Weihnachtsmarkt und ich sah ein kleines, 3-jähriges Mädchen, das zum ersten Mal auf einem Kinderkarussell saß, noch etwas ängstlich, aber mutig lächelnd die aufmunternden Blicke der zwei Erwachsenen suchend, die eng umschlungen jede ihrer Runden verfolgten. Der Geist der vergangenen Weihnacht ließ mich die Bilder der duftenden Gassen und Stände sehen, mich schnuppern an Bratwürsten und Glühweinen. Ich sah uns ganz nah beim All-you-can-eat-Chinesen, von ruhigen diskreten Beichtstühlen träumend, lachend und glücklich erzählend, irgendwann den Buggy zum Parkhaus an der Heilig-Geist-Kirche schiebend, wissend, dass der kleine Racker erst schläft, wenn wir in unseren Autos auf der Autobahn sind.
"Warte", rief ich schlafend dem Geist der vergangenen Weihnacht zu, "lass mich noch nicht aufwachen". "Du kannst die Vergangenheit nicht festhalten!", flüstert er in meinen Traum, "aber ich sage es gerne dem Geist der zukünftigen Weihnacht". Geister können Wünsche sehen, ohne dass man sie ausspricht, denke ich noch, während meine Gedanken weiter in der Nacht Karussell fahren und nach vertrauten Gerüchen schnuppern.
Neon!
NeonWilderness - So, 7. Dez. 2008, 03:24
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